Berauscht

Der folgende Text entstand im Kontext eines Impulses zur Buchvorstellung „Berauscht der Sinne beraubt“, die gemeinsam mit der Autorin Racha Kirakosian an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg am 20.10.2025 stattfand.

 


„Berauscht der Sinne beraubt“ –
das Thema möchte ich als Geschlechter- und Muße-Forscherin beleuchten: Mich interessiert die Verbindung von Weiblichkeit, Ekstase und Hysterie. Racha du zeigst eindrücklich, dass diese Verbindung eine historisch pathologisierte Form der Selbstentrückung darstellt. Es ist eine Verbindung, die auf das Andere der männlich konnotierten Vernunft verweist. Die Kulturwissenschaftlerin Christina von Braun schreibt in ihrem Buch „Nicht-Ich“ über die Hysterie, sie sei die „große Lehrmeisterin der Widersprüchlichkeit.“ „Sie spielt mit unserer Sprache, unserem Denken, als gäbe es keine Logik.“ Konventionelle, ’berechenbare’ Maßstäbe verlieren an Bedeutung. Dementsprechend interessieren mich die widerständigen Aspekte, die in der per se als Frauenkrankheit bezeichneten ‚Hysterie‘ und den damit verbundenen ekstatischen Momenten verborgen liegen. Inwiefern verweisen solche Erfahrungen bei weiblich sozialisierten Menschen auf eine Form der Selbst-Entrückung, die zugleich als Selbst-Ermächtigung gelesen werden kann?

An dieser Stelle möchte ich diesbezüglich auf erste Recherchen zu sprechen kommen, die mich derzeit beschäftigen: Carl Gustav Jung und Sigmund Freud nahmen sich nicht nur in Zürich, sondern auch hier in Freiburg, bildungsbürgerlicher junger Frauen an, die als Hysterikerinnen bezeichnet wurden. Das Haus, in dem die beiden Heroen der Psychoanalyse beizeiten gemeinsam praktizierten, liegt nahe dem Kloster Lioba, wo du Racha hin und wieder an deinem Buch geschrieben hast. Ich selber wohne in dem Haus, das keine halbe Stunde Fußweg vom Kloster Lioba entfernt liegt und in dem sich Jung und Freud trafen. Doch nicht nur das. Mit einer dieser Hysterikerinnen, einer russischen Jüdin, ging C. G. Jung vermutlich eine Affäre ein; fern von Zürich, wo seine Ehefrau und Familie lebte. Das Liebesnest befand sich allen Anschein nach unter anderem in einer Wiehre Villa und die Patientin heißt Sabina Spielrein. Traute Hensch, die lange Zeit Lektorin beim Roten Stern und als Verlegerin feministischer Bücher im Souterrain des besagten Hauses agierte, hat Spielreins’s Tagebücher veröffentlicht. Dabei ist das Interessante an Spielrein nicht in erster Linie ihre Liebesgeschichte mit Jung, sondern dass sie schließlich selber eine bekannte Psychoanalytikerin in der Schweiz und in Russland wurde bevor sie in ihrer Heimat gemeinsam mit ihren Kindern von den Nazis in den frühen 1940er Jahren erschossen wurde. Bislang legen meine Recherchen nahe, dass ihre vor allem sexuellen Ekstasen eine Form des Ausbruchs aus der Enge bürgerlicher Rollenerwartungen darstellten. Ebenso wie ihre ausgelebte Sexualität eine Entrückung oder vielmehr Transformation von den Schmerzen – vor allem Demütigungen – gewesen zu sein scheint, denen sie bereits als Kind durch ihren Vater ausgesetzt war. Er schlug sie. In einem 2011 von dem Regisseur David Cronenberg inszenierten Film A Dangerous Method (dt.: Die dunkle Begierde) wird erzählt, dass Spielrein die väterliche Form der Züchtigung erregte. Dass sie diese Erregung nicht unterdrückte, sondern ihr nachging, scheint sie aus ihrer Opferrolle enthoben und schlussendlich selbstermächtigt zu haben. Spielrein war es schließlich auch, die als eine der ersten Kinderpsychologinnen Zeichnungen ihrer jungen Patient:innen mit in den Therapieprozess einbezog.

Ihre eigene Hingabe an das, was sie leiden ließ, scheint sie zur Überwindung ihrer Demütigungen und zu einem Umgang mit ihren Leiden geführt zu haben, der sie zur Therapeutin befähigte. Auf jeden Fall beschreibt sie in ihren Tagebuchaufzeichnungen nimm meine seele, wie sie sich mutig ihren Emotionen und inneren Konflikten gestellt hat. Dabei hat sie immer wieder auch Momente intensiver Freude und spiritueller Erfüllung erfahren. Ihre schriftlichen Aufzeichnungen lassen sich durchaus vergleichen mit C.G. Jung’s Erfahrungen der Individuation, das heißt der Persönlichkeitsentwicklung und Selbstwerdung, die er in seinem fantastischen und berühmt gewordenen Roten Buch beschreibt. Ekstase ließe sich hiernach als ein Weg zur Selbsterkenntnis und Selbstheilung verstehen. Heilung im wahrsten Sinne des Wortes verstanden als Erfahrung des vollständig- und ganz-Werdens. Ansonsten verdrängte Persönlichkeitsanteile scheinen im Zustand der Ekstase – als einer äußersten Hingabe ans Hier und Jetzt – ins Bewusstsein gehoben werden zu können. 

Mit diesem Thema der Hingabe an den Augenblick, komme ich zu einem weiteren Anknüpfungspunkt meines Interesses, – zur Verbindung von Ekstase, Flow und Trance. Im Übrigen hat mich die paradoxale Struktur, die du Racha verwendest, um Ekstase in deinem Buch zu beschreiben, an die Forschung im SFB Muße erinnert, in der wir ebenfalls die Ambivalenzen von Muße herausgestellt haben. Im Kern charakterisierten wir Muße als produktive Unproduktivität. Bezogen auf den hier relevanten Kontext ließe sich hervorheben, dass wir Muße in Momenten körperlichen Wohlbefindens erleben. Zugleich sind diese Augenblicke dann aber auch prädestiniert dafür, dass wir eine erkenntnisreiche Innenschau vollziehen können. Mitunter sprechen wir im Nachhinein über diesen Zustand als einen, in dem wir eine Transformation des Selbst erfahren haben. Ebenso wie Ekstase, Trance oder Flow kann auch die Muße verändernd wirken. Jedoch sind uns diese Zustände unverfügbar. Sie entziehen sich unserer Kontrolle. Auch wenn sie uns paradoxerweise zugleich mit dem Gefühl gesteigerter Selbstwirksamkeit beschenken können.

Wende ich mich also einen kurzen Moment der Flow-Erfahrung zu, dieser bedingungslosen Erfahrung des Fließens während wir einer Tätigkeit nachgehen. Du zitierst den ungarisch-amerikanischen Psychologen Mihály Csíkszentmihályi. Flow bedeute, so schreibt er: 

Völlig eingespannt sein in eine Tätigkeit der Tätigkeit willen. Das Ich-Bewusstsein verschwindet. Die Zeit fliegt dahin. Jede Aktion, jede Bewegung und jeder Gedanke fließen unabdingbar aus dem Vorhergehenden hervor, so wie wenn man Jazz spielt. Dein ganzes Wesen ist eingespannt und du benutzt deine Fähigkeiten zu einem maximalen Grad. 

Mich erinnert das an Beschreibungen über den Schaffensprozess etwa der Zehn Größten, Werke der schwedischen Malerin Hilma al Klint, deren Bedeutung als Pionierin für die abstrakte Kunst inzwischen unzweifelbar hervorgehoben wird. Hilma al Klint selbst betonte immer wieder, dass ihre Abstraktionen Visionen aus einer anderen Welt seien. Sie waren weniger ihr Werk, denn Ausdruck einer spirituellen Reise. Auch sie überwand gängige Rollenklischees, widersetzte sich dem ihr zugewiesenen Platz in der Gesellschaft, gab sich ihrem Schmerz, ihrer Ekstase und den damit einhergehenden Visionen hin. So wie bei Spielrein fasziniert mich das Moment der persönlichen Selbstermächtigung und Befreiung, das sich in ihren Tätigkeiten eröffnet. Trotz der weitestgehenden gesellschaftlichen Missachtung, die ihr Wirken zu Lebzeiten und noch weit darüber hinaus erfuhr. Im Übrigen: Hilma al Klint soll über ihre riesigen Leinwände, die während ihres Schaffensprozesses am Boden lagen, beinahe wie ein Derwisch getanzt sein. Geriet sie über das Malen in Trance, der Sinne berauscht? 

So wie auch Frauen der Lila-Rituale, die zu den Trommeln während der Gnawa-Festivals im marokkanischen Essouria in Trance fallen? Racha, du gehst ebenfalls auf die sufistischen Gnawa-Praktiken ein. In einer ethnographischen Dokumentation über die Lila-Rituale erfuhr ich, dass diese Praktiken durchaus als heilend vor allem für allerlei Frauenleiden – etwa bei Fehlgeburten, Unterleibserkrankungen oder sexuellen Problemen –  angewandt würden. Momente der Trance ließen sich also auch hier als ein Weg zur (Selbst-)heilung verstehen. Zustände der Ekstase, Trance oder des Flow scheinen Wahlverwandtschaft aufzuweisen, gemeinsam ist ihnen, dass ansonsten fragmentierte Persönlichkeitsanteile integriert werden können. Dies zumal in Kulturen und Welten, in denen weibliche Formen der Selbstentrückung zumeist dämonisiert oder pathologisiert werden. Ekstase könnte somit vor allem auch aus Sicht all derjenigen, die nicht männlich sozialisiert wurden, Zugänge zu dem eröffnen, was im Mann ohne Eigenschaften – Zitate aus diesem Roman von Robert Musil finden sich verstreut in deinem gesamten Buch Racha – als Möglichkeitssinn beschreibt. Ich zitiere Musil:

So ließe sich der Möglichkeitssinn geradezu als die Fähigkeit definieren, alles, was ebenso gut sein könnte, zu denken, und das was ist, nicht wichtiger zu nehmen als das, was nicht ist.

Danke, Racha, für dein inspirierendes Buch. Ich hoffe, du hattest beim Schreiben immer wieder vor allem im Kloster Lioba Muße-Erfahrungen und solche, die du vielleicht – trotz aller wissenschaftlichen Rationalität – als ekstatisch begreifen würdest. Beim Lesen kamen meine Gedanken und Emotionen auf jeden Fall immer wieder ins Fließen, auch wenn du durchaus bis in die grausamsten Gefilden männlicher Phobie gegenüber den weiblichen Ausdrucksform der Ekstase hinabgestiegen bist, die sich insbesondere in Hexenprozessen äußert(e).

 

 

 

 

Siehe Arte-Minidoku zu Sabina Spielrein
in der Reihe „Geniale Frauen“