Gaia – eine beunruhigende Denkfigur

Gaia ist Göttin und Cyborg, Biosphäre und Noosphäre zugleich. Als Superorganismus und Urmutter allen Seins symbolisiert sie eine Denkfigur, die der Erde eine andere Gestalt verleiht als es ihr durch den blauen Planeten auferlegt wurde. Nicht mehr ruht sie als Globus und Spielball einer technoiden Welt in der zumeist weißen Hand eines Mannes. In ihrer Hybris meinten die Menschen sich ihrer ermächtigen, sie ausbeuten oder sich ihr schützend annehmen zu können. Im dritten Jahrtausend rinnt dieses Bild zusehends zwischen ihren Fingern dahin. Gaia ist eine widerspenstige Gemahlin, entwindet sich jedwedem Protektorat. Sie stößt aus ihrer Stirn Kali aus, die in ihrer rasenden Wut das Universum erbeben, Flammen und Fluten aufbäumen lässt; gebiert aus ihrem Schoß die Menschen ebenso wie andere Erdlinge. Sie nährt das Dasein, beackert den Oikos, sorgt für den Haushalt und verfolgt das Äquivalenzprinzip. In ihrer Unmittelbarkeit und unbedingten Nähe sind wir auf Gastfreundschaft angewiesen. Keinerlei Zweifel lässt sie daran, dass ihre Evolution sich über die Selbstsucht der menschlichen Spezies erhebt. Wir können uns glücklich schätzen, wenn wir von ihren kooperativen Genen infiziert werden, wenn wir empfangen, was sie zu geben vermag. Aus ihren Augen blitzen Sonnensysteme, die sich nicht durch Weltraumsonden erspähen lassen und die diverse Sternenkataloge füllen sowie um unterschiedliche Erden kreisen.

In nonlinearen Narrationen werde ich kartografisch-chronistische Atlanten zur Gaia-Hypothese versammeln ebenso wie Interviews, die Aspekte dieser terrestrischen Denkfigur näher beleuchten. Dabei geht es um ›Gender in Environmental Sciences‹, ›Queer Ecology‹, ›Science and Technology Studies‹ und Verbindungen zwischen ›Multispecies‹, um spekulative Fabulationen sowie futuristische Reflexionen. Es ist eine Reise in Science [and] Fiction.


Prolog

Ihre wohlgeformten Bäuche atmen abendlichen Dunst aus. Die Kälte des Winters kriecht aus jeder Pore ihres Leibes, aufsteigende Luft entfaltet erdigen Geruch. Ätherische Essenzen werden ihr durch die ersten Strahlen der Sonne entlockt, die in ihr Inneres eindringen und schlummerndes Leben zwischen aufgespreitzten Erdkrusten wachrufen. Noch ruhen die Samen, ist der Boden hart, stößt spitz und widerständig gegen die Schuhsohlen. Die Füße, die vom Untergrund massiert werden, fangen zu kribbeln an, erinnern sich, wie sie in Sommermonaten weiche Erdfalten erspürten.
Gaia ist eine janusköpfige Gestalt, nährende Mutter, die uns mit ihren Liebkosungen umfängt, uns aber ebenso in Angst und Schrecken zu versetzen vermag. Dem griechischen Olymp entsprungen, besiedelt sie verschiedene Medien, Zentren und Gedankenwindungen. Ihre Ambiguität ist schillernd. Nach ihr benannt sind nicht nur Kollektive, die spirituelle Heilung suchen, sondern ebenfalls eine ESA-Weltraummission, ausgestattet mit einem Hightechteleskop, um einen der umfangreichsten Atlanten der Galaxie sowie Sternensysteme außerhalb der Milchstraße zusammenzutragen.
Gaia, – von Eurasien über die USA nach Südamerika werde ich ihr folgen, werde aufzeigen, wie sie Geografen, eine Biologin, Mineralogen, Biochemiker, Biophysiker und Mediziner inspiriert hat. Diesen unterschiedlichen Naturforschenden und über kybernetische Systeme Philosophierenden war es ein Anliegen, eine Vorstellung von der Erde zu vermitteln, die dem Darwinismus weitere Ansichten über Werden und Vergehen auf diesem Planeten zur Seite stellt. Die dem Bild, das wir im WorldWideWeb, in Atlanten oder Schulbüchern gewohnt sind zu sehen, eine andere Figur entgegenhält. Nicht mehr ruht der Globus in einer Handfläche als Objekt der Erkenntnis, des Weltzugangs und als tote Materie. Gaia erscheint als Superorganimismus, mit der wir eine Ko-Evolution und symbiogenetische Prozesse eingehen können und dabei von animistischen Vorstellungen einer matriarchalen Göttin, die das globale Patriarchat zu überwinden fähig sein soll, begleitet wird.
Dabei stelle ich vor allem die von Lynn Magulis entwickelte Gaia-Hypothese ins Zentrum meiner Aufmerksamkeit. Darüber hinaus gehe ich näher ein auf die spekulativen Fabulationen der ›Science and Technology Studies‹ (STS) Forscherin Donna J. Haraway sowie die naturwissenschaftsphilosophischen Überlegungen Isabelle Stengers und Carolyn Merchants. Außerdem begleiten mich bei meiner Forschungsreise die Science-Fiction-Erzählung RAM-2050 der Biologin Joan Roughgarden und Banu Subramaniam’s Ghost Stories for Darwin.
Es ist eine Reise, bei der ich um Fragen danach kreise, auf welche Weise diese Erkenntnisse unser Bild von der Evolution, der menschlichen Sexualität und Interspezieskommunikation verändern und neue interdisziplinäre Forschungsperspektiven eröffnen können. Nichtzuletzt um im Zeitalter biotechnowissenschaftlich geprägter Machtstrukturen in Begleitung von Gaia kritisch über die Spannungszustände zwischen der Noosphäre noos von griechisch Vernunft – und der Biosphärebios von griechisch Leben – sowie den damit verbundenen Wechselverhältnissen zwischen körperlichen und kognitiven Prozessen zu reflektieren.

Literatur

  • Subramaniam, Banu (2015) Ghost Stories for Darwin. The Science of Variation and the Politics of Diversity. Urbana, Chicago, and Springfield: University of Illinois Press.
  • Haraway, Donna (2018) Unruhig bleiben. Frankfurt M./New York: Campus Verlag (Original 2016: Staying with the Trouble).
  • Mangelsdorf, Marion/Pregernig, Michael/Kuni, Verena (2016) „Einleitung: (Bio-)Diversität, Geschlecht und Intersektionalität“. In: Freiburger Zeitschrift für Geschlechterstudien 22(2): 5–15.
  • Margulis, Lynn & Sagan, Dorion (1993) Geheimnis und Ritual. Die Evolution der menschlichen Sexualität. Berlin: Byblos Verlag.
  • Margulis, Lynn (2018) Der symbiotische Planet. Frankfurt M.: Westend Verlag.
  • Margulis, Lynn (2016) „Living by Gaia“. In: Jonathan White. Talking on the Water. Conversations Nature & Creativity. Texas: Trinity University Press.
  • Merchant, Carolyn (1990) The Death of Nature: Women, Ecology, and the Scientific Revolution. New York: HarperCollins Publisher.
  • Pitt, David & Samson, Paul R. (1998) The Biosphere and Noosphere Reader: Global Environment, Society and Change. New York: Routledge.
  • Stengers, Isabelle (2015) In Catastrophic Times: Resisting the Coming Barbarism. Meson Press: Open Humanities Press.
  • Roughgarden, Joan (2015) Ram-2050. MindBuck Media.
  • Worthy, Kenneth/Allison, Elizabeth & Bauman, Whitney (2018) After the Death of Nature Carolyn Merchant and the Future of Human-Nature Relations. New York: Routledge.